Majdanek-Prozess • Schwierige Wahrheitsfindung in 6 Jahren
"Der Mensch ist der einzige unter den Primaten, der die Tötung seiner Artgenossen planvoll, in größerem Maßstab und enthusiastisch betreibt. Der Krieg gehört zu seinen wichtigsten Erfindungen." Hans Magnus Enzensberger
Kaum ein Prozess gegen NS-Verbrecher erregte so viel öffentliches Aufsehen wie der Majdanek-Prozess, nicht nur wegen der monströsen Zahl von 250 000 Opfern im ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek, sondern
wegen seiner langen Verhandlungszeit, die in die Geschichte der Justiz der Bundesrepublik Deutschland eingegangen ist. Sechs Jahre dauerte der Prozess, von 1975 bis 1981. Zwar war das öffentliche Interesse dahingehend nicht konstant, doch die Berichte, Filme und Bücher, die in dieser Zeit entstanden stießen auf allgemeines Interesse. Der in Düsseldorf zu verhandelnde Prozess war auch als der schwierigste, mühsamste Prozess aus der NS-Zeit, mit nahezu 350 Zeugen, annähernd 25 Reisen des Gerichts ins Ausland, mit fast 50 Ablehnungs- und ebenso vielen Beweisanträgen der Verteidigung, mit 20 000 Seiten Vorvernehmungsakten und weit über 4 000 Seiten Gerichtsprotokollen; mit Zeugen, die inzwischen verstorben oder wegen Krankheit nicht mehr vernehmungsfähig waren; mit aussageunwilligen Angeklagten, mit Verschleppungsmanövern einiger Anwälte; mit Prozessunterbrechungen wegen Erkrankung von Richtern oder Beschuldigten, mit ständigen Terminverschiebungen wegen fehlender Unterlagen, die noch übersetzt werden mussten; wegen ausländischer Zeugen, die nicht erschienen waren oder deren Vernehmungen sich derart in die Länge zogen, dass andere Zeugen wieder ausgeladen und zu einem neuen Zeitpunkt neu geladen werden mussten. Die Geschichte des Verfahrensablaufs überdeckte häufig völlig die Geschichte, die verhandelt werden sollte: den Mord an mindestens 250 000 Menschen in den Jahren von 1942 bis 1944; andere Quellen sprechen von einer Million.
Das Lager Majdanek war 1941 nahe der Stadt Lublin im damaligen Generalgouvernement für die besetzten polnischen Gebiete eingerichtet worden. Der Name stammt vom Lubliner Stadtteil Majdan Tatarski, offiziell trug es den Namen Konzentrationslager Lublin. Insgesamt wurden im Lager Majdanek etwa 250.000 Menschen ermordet beziehungsweise in den Tod getrieben. Am 23. Juli 1944 wurde das Lager durch die Rote Armee befreit. Durch eine polnisch-sowjetische Kommission begann noch im Juli die
erste Untersuchung der Verbrechen. Es kam dann in Lublin vom 27. November 1944 bis zum 2. Dezember 1944 zur Gerichtsverhandlung, in der alle sechs Angeklagten zum Tode verurteilt wurden. Ein Angeklagter verübte im Laufe des Verfahrens Selbstmord. Am 3. Dezember 1944 wurden die Todesurteile durch Erhängen vollstreckt. Zwei Jahre danach, ebenfalls in Lublin, wurde gegen 95 SS-Angehörige verhandelt. Nach dem zweijährigen Prozess wurden sieben der Angeklagten 1948 zum Tode verurteilt und hingerichtet, darunter auch die frühere Oberaufseherin des Frauenlagers, Else Ehrich, die anderen erhielten Haftstrafen.
Doch zurück zum Majdanek-Prozess der 70iger Jahre. Das, was Prozessbeobachter ganz besonders ins Auge stach, waren die Angeklagten: Die Herren in mehr oder weniger gut sitzenden Anzügen, doch immer mit gut gebügelten Hemden und dazu passenden Krawatten, saßen da mit unbeweglichen Gesichtern, so als ginge sie das Geschehen um sie herum nichts an, erinnern konnte sich keiner von ihnen, je irgendwelchen Gräueltaten beigewohnt zu haben, weit von sich wiesen sie Beschuldigungen, an solchen beteiligt gewesen zu sein. Doch da saßen auch die Frauen, die ehemaligen Aufseherinnen, mit frischen Dauerwellen, im gepflegten Kostüm oder Kleid, auch sie völlig emotionslos und so fürchterlich ‚harmlos’ wirkend. Dazu die Riege der Verteidiger, viele aus der bekannten rechten Szene, einige ausgewiesene NPD Mitglieder, deren Befragung der Zeugen mehr als häufig die angereisten Opfer-Zeugen demütigten und wieder zu Opfern machten. Mancher Angeklagte hatte bis zu drei Verteidiger, was zusätzlich auf viele einschüchternd wirkte. Auf der anderen Seite die Staatsanwaltschaft mit ihrem Hauptankläger Dieter Ambach und seinen Kollegen, die mit möglichst unbewegter Mine den zeitweise hoch emotionalen Prozesstagen, mit weitgehenst unbeweglicher Mine zu folgen hatten. Ambach dazu: "Angeklagt waren ungefähr 120 Taten, was auch eine Erklärung für die lange Laufzeit sowohl der Vorermittlungen als auch des Prozesses gewesen sind. Es sollte untersucht werden, welche Mordtaten in einem Konzentrationslager, Majdanek war ein besonderes, nämlich wie Auschwitz ein Vernichtungslager, sich ereignet hatten." Während des Prozesses erhielten die Richter und Staatsanwälte anonyme Drohungen von Sympathisanten der Angeklagten aus der rechtsextremen Szene. Zeitweilig stand Dieter Ambach unter Polizeischutz, Polizei überwachte seine Wohnung und seinen Parkplatz. Ambach: "Aber es ist letztendlich nichts passiert. Aber auch in der Zeit nach dem Verfahren bis in die jüngere Vergangenheit kommen ab und zu mal noch Anrufe nach wahrscheinlich irgendwelchen Kameradschaftsabenden, wo dann gesagt wird, dass man mich nicht vergessen habe, der ich doch die Kameradinnen und Kameraden so verunglimpft hätte." Dann, an der Stirn des Gerichtssaals der Vorsitzende Richter Günter Bogen mit seinen Richterkollegen und Beisitzern, der diesen schwierigen Prozessverlauf leitete. Die Verteidigungen der verschiedenen Angeklagten überhäuften immer wieder das Gericht mit den absurdesten Anträgen, einer davon war, dass sie einen Gutachter forderten, der nachweisen sollte, dass verbrannte Tierkadaver den gleichen
Geruch verbreiten, wie verbrannte Leichen. Hierauf musste das Gericht verfahrenstechnisch korrekt entscheiden, so zogen sich die Prozesstage immer mehr in die Läge, doch die Verteidiger erreichten somit eine übermäßige Verschleppung des Verfahrens.
Doch am 369. Verhandlungstag, im fünften Jahr des Prozesses kam Bewegung in das Verfahren. Es war ein besonderer Verhandlungstag: Hermine Ryan, geborene Braunsteiner, 60 Jahre alt, verheiratet mit einem Amerikaner, von denen, die Majdanek überlebten, ‚Stute’ genannt, genauer aber: ‚Schindermähre’, war am 368. Verhandlungstag zusammengebrochen und hatte plötzlich laut geschrieen: „Ich kann es nicht mehr aushalten. Helft mir! Helft mir!“ Der Vorsitzende Richter Günter Bogen unterbrach die Sitzung. Am nächsten Verhandlungstag, bei dem ‚vorübergehend abgesetzten Verfahren gegen Hermine Ryan-Braunsteiner’, wurde erst der medizinische Sachverständige gehört, von dem es heißt, er sei in diesem Prozess der ‚wichtigste Mann’. Sie sei, so der Arzt, seit nunmehr 14 Jahren in einem Stresszwang, befinde sich in einer Konfliktsituation. Dann drang Richter Bogen in die vor ihm sitzende, bleiche Angeklagte, die ihren Mantel anbehalten hatte: Sie sollte sich jetzt, nachdem sie vier Jahre lang nichts gesagt habe, überlegen, ihr ‚totales Schweigen’ aufzugeben. „Ich bin dabei gewesen“ Es war still in dem großen, dunkel getäfelten, fast leeren Sitzungssaal 111 des Düsseldorfer Landgerichts: Vorn saß das Gericht mit dem Ersatzrichter, den Ersatzschöffen, der Protokollantin und dem Staatsanwalt. In den sonst voll besetzten Reihen vor der Richterbank wirkte die Angeklagte mit ihren beiden Verteidigern wie verloren. Auf den Zuhörerbänken warteten nur ihr Mann und drei Wachtmeister, die Hermine Ryan aus dem Untersuchungsgefängnis gebracht hatten. Dann sagte sie: „Es sei ihr Pech gewesen, dass die Oberaufseherin Ehrich sie als ihre Vertreterin ausgewählt habe. Während ihrer Zeit in Majdanek sei sie überhaupt acht Monate lang krank gewesen und anschließend in den Urlaub gefahren. Darum sei sie „nicht immer da gewesen, wenn etwas passiert sein sollte“. Dann gab sie zu, bei „Transporten, die weggingen, dabei gewesen“ zu sein, aber nicht bei „abgehenden“. Dann, als Richter Bogen weiter fragte, räumte sie endlich auch ein, bei den „ankommenden Transporten“ mitgemacht, also selektiert, für den Mord in der Gaskammer aussortiert zu haben.
Unfassbar war der ‚Alltag’ in Majdanek: Sechs Gaskammern ‚arbeiteten’ jahrelang, Tag und Nacht. Andere Opfer, vor allem Frauen, Kinder und Kranke, wurden erschlagen, erdrosselt, erhängt, ertränkt. Die Angeklagte Ryan wurde ‚Schindermähre’ genannt, weil sie Menschen, die in ihre Gewalt gerieten, mit ihren Stiefeln totgetreten haben soll. Hildegard Lächert, die eine Reihe hinter ihr saßt und vor der Zeuginnen bei der Gegenüberstellung noch heute zittern, hieß
‚blutige Brygidda’, weil sie immer sofort zugeschlagen haben soll, mit der Peitsche oder einer Latte, so lange, bis sich das Opfer nicht mehr rührte. All das gab Hermine Ryan nun zu. Aussage der Zeugin Rachel Nurman zu den Vorkommnissen im Lager: "Unter den SS-Männern und -Frauen waren auch diese beiden hier sitzenden weiblichen Angeklagten. Ich erkenne sie beide wieder. Die dahinten hat mich ja geschlagen. Sie hat auch einmal so lange auf ein Mädchen eingeschlagen, bis es tot dalag. Sie wurde im Lager die 'Blutige Brigida' genannt. Wir hatten alle Angst, sie auch nur anzusehen. Ich erkenne sie wieder an ihrem Gesicht und den starken Backenknochen. Sie war früher sehr hübsch und gesund. Sie trug ihre dunkelblonden Haare meist hoch und hatte ein leuchtendes Gesicht. Sie konnte mit einem Fußtritt ein Mädchen töten. Sie hatte auch immer einen großen Hund bei sich, den sie mit sadistischem Vergnügen auf uns Häftlingsfrauen hetzte, wenn wir beim Spinatpflücken waren. Ich selbst habe noch jetzt eine Narbe von einem solchen Hundebiss auf dem Rücken." Wörtliche Aussage des Zeugen Mendel Miller: "Als wir einmal in die Gärtnerei kamen, befanden sich dort eine SS-Aufseherin und ein kleiner Mann in einem schwarzen Anzug. Dieser sagte zu der Aufseherin: "Geben Sie mir Ihre Pistole, damit ich die dreckigen Juden erschießen kann!" Daraufhin erwiderte die Aufseherin: "Das Vergnügen möchte ich lieber selbst haben." Daraufhin schloss sie in die Gruppe der Häftlinge hinein. Ein Häftling fiel gleich tot zu Boden, ein anderer blieb schwer verwundet liegen. Wir bekamen dann den Befehl, diese beiden Personen zurückzutragen, damit beim anschließenden Appell die Zahl stimmte. Die SS-Frau trug die übliche deutsche Uniform von beigebrauner Farbe. Sie trug eine Jacke, Rock und eine Kopfbedeckung in Art eines Schiffchens. Ich glaube, dass die hier in der ersten Reihe sitzende Frau diese Frau gewesen ist." Hermine Ryan blieb die einzige Angeklagte, die sich geäußert hatte, die einzige in irgendwo ein Funken Menschlichkeit verblieben war.
Auch die sogenannte ‚Aktion Erntefest’ wurde im Prozessverlauf eingehend behandelt, die Zeugenaussagen waren eindeutig, wenn auch subjektiv, aber doch gerichtsverwertbar. Dazu der ehemalige Staatsanwalt Ambach: "Eine der grausamsten Aktionen im Lager Majdanek war die so genannte Aktion "Erntefest". Das bedeutete, an diesem Tag Anfang November 1943 wurden sämtliche Juden aus der Umgebung Lublins und sämtliche Juden, die noch im Lager lebten, zusammen getrieben. In den Tagen vorher hatten die im Lager lebenden Juden Gräben ausheben müssen, in diese Gräben wurden dann schubweise die Juden nach Entkleidung hinein getrieben und wurden von SS- und Gestapo-Angehörigen, die am Grubenrand standen, erschossen. Bei dieser Aktion, die sich von morgens früh bis zum Abend hingezogen hat, sind mindestens 18.000 Juden erschossen worden."
Doch insgesamt war es eine schwierige Prozessführung, denn nach 30 Jahren konnten nicht alle angereisten Zeugen die Täter identifizieren, zumal ihnen damals verboten war, den uniformierten Männern und Frauen ins Gesicht zu schauen, auch konnten sie nicht immer korrekte Angaben zu Tagen oder Monaten der Mordgeschehen machen, doch überschnitten sich die Aussagen der Opfer so häufig, das ein Tatablauf rekonstruiert werden konnte, wobei die Tatbeteiligung der Angeklagten, entsprechend ihrer Position innerhalb des Lager klar war, nicht immer eindeutig nachgewiesen werden konnte. So blieb das Gericht in seiner Urteilverkündung oftmals weit unter den Anträgen der Staatsanwaltschaft. Diese Urteilsverkündung hinterließ einen Sturm der Entrüstung in den Medien und der Öffentlichkeit.
Hermine Braunsteiner-Ryan, Aufseherin: Lebenslänglich
Hildegard Lächert, Aufseherin: 12 Jahre Haft
Hermann Hackmann, SS-Hauptsturmführer: 10 Jahre Haft
Emil Laurich, SS-Hauptscharführer: 8 Jahre Haft
Heinz Villain, SS-Unterscharführer: 6 Jahre Haft
Fritz Heinrich Petrick, SS-Oberscharführer: 4 Jahre Haft
Arnold Strippel, SS-Unterscharführer: 3,5 Jahre Haft
Thomas Ellwanger, SS-Rottenführer: 3,5 Jahre Haft
Heinrich Groffmann, SS-Hauptscharführer: Freispruch
Bei den anderen Angeklagten wurden die Verfahren abgetrennt, manche wurden verhandlungsunfähig, beziehungsweise verstarben.
Auch wenn der Ausgang des Prozesses als unbefriedigend zu sehen ist, so muss beachtet werden, dass hier ein Versuch unternommen wurde, Gräueltaten wie die in Majdanek aufzuarbeiten, denn zu sühnen sind sie nach menschlichem und juristischem Ermessen nie wirklich. Auch darf nicht unbeachtet bleiben, unter welchen Schwierigkeiten die Ermittlungen litten, denn viele Unterlagen waren zu dieser Zeit hinter dem sogenannten ‚Eisernen Vorhang’ des ‚Kalten Kriegs’ und somit nicht einsehbar. Hier waren die damalige Sowjetunion und Polen nicht sehr kooperativ.
Doch in der Zeit des sechsjährigen Prozesses und darüber hinaus arbeiteten Historiker, Journalisten und viele andere an diesem Thema, auch Filmemacher wie Eberhard Fechner, mit seinem Dokumentarfilm.
In jüngster Zeit hatte der Roman ‚Der Vorleser’ und seine Verfilmung noch einmal ein Streiflicht auf den Majdanek-Prozess gelenkt.
Weiterlesen:
➼ Majdanek • Hölle der Zwangsarbeit und Vernichtung
➼ Die schändliche „Aktion Erntefest“
➼ Otto Freundlich • Pionier der Abstrakten • Vergast in Majdanek
darüber hinaus:
➼ Index der Täter • Die Blutspur des Arnold Strippel
Otto Hirsch ✡ Ein stiller Kämpfer seiner Zeit
Das Volk, welches seine Vergangenheit von sich wirft, entblößt seine feinsten Lebensnerven allen Stürmen der wetterwendischen Zukunft." Joseph Görres
Otto Hirsch war ein typischer Vertreter des deutschten Judentums seiner Zeit, assimiliert, aber sich seines jüdischen Glaubens und dessen Tradition bewusst und doch ein patriotischer Deutscher, eher konservativ als progressiv. Am 9. Januar
1885 in Stuttgart geboren, wuchs er im wohlhabenden Mittelstand seiner bereits schon voll assimilierten Großhändlerfamilie auf, und studierte, nach sehr erfolgreichem Abitur, an den Universitäten in Heidelberg, Leipzig, Berlin und Tübingen Rechtwissenschaften. In dieser Zeit des Studiums schuf er sich bereits ein Netzwerk für die spätere berufliche Laufbahn, weit über die Fakultäten der Rechtswissenschaft hinaus. 1903 unterbrach er sein Studium, um seinen Wehrdienst zu absolvieren, aber auch um der Zeit gemäß Uniformträger gewesen zu sein. Zwar war es ihm als Jude nicht möglich zum Reserveoffizier aufzusteigen, doch hatte er auch hier sich eine positive Reputation erarbeitet, die dies nicht zum Nachteil für ihn gereichte. Er war kein leidenschaftlicher Redner, eher ein Mann des schriftlichen, genauen Wortes und so war es nur folgerichtig, dass er nach erfolgreichem Studium und dem Abschluss des zweiten Staatsexamens, in die Verwaltung ging. 1912 trat er seine erste Stelle als Ratsassessor in der Stadtverwaltung Stuttgart an. Zwei Jahre später heiratete er Martha Loeb, mit der er eine Familie gründete, die seiner jüdischen Tradition entsprach, doch tief verwurzelt im deutschen Wertesystem der damaligen Kaiserzeit. Da er als Rechtsrat in Stuttgart das Kriegsleistungswesen leitet, zu dem er auch einen Gesetzeskommentar verfasste, wird er im Ersten Weltkrieg für unabkömmlich erklärt und wird nicht zum Kriegsdienst eingezogen. Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete er an der Verfassung der Weimarer Republik mit, die Artikel 97 bis 100 gehen weitgehenst auf ihn zurück, Thema sind die Wasserstraßen des Reichs. In Hinsicht auf Wasserversorgung und Logistik der Wasserstraßen, galt Otto Hirsch zu dieser Zeit als der verwaltungstechnische Fachmann in Deutschland. 1921 wird er zum ersten Vorstandsmitglied der Neckar AG berufen wird, die den Bau des Neckarkanals betreibt, für diese Zeit wird er vom Staatsdienst beurlaubt. Im Jahr 1926 beantragt er, nachdem die Finanzierung des Projektes gesichert ist, seine Entlassung aus dem württembergischen Staatsdienst.
Im gleichen Jahr, also 1926, geht er ganz andere Wege. Er wendet sich seinem inneren Lieblingsprojekt zu, der Begegnung aller jüdischen Richtungen und dem Austausch von Juden und Christen. Im Gegensatz zu vielen deutschen Juden lehnt Otto Hirsch den Gedanken des Zionismus nicht ab, dieser Traum von einem Staat für jüdische Menschen lässt eine Seite in ihm anklingen, die ihn sehr bewegt. Doch er wäre nicht er selbst, wenn er dahingehend nicht auch andere Schlüsse ziehen würde, als die junge Zionistenbewegung, die sich gerade erst in Deutschland und Europa zu etablieren beginnt. Otto Hirsch sieht bei sich selbst, seinen Kindern und in vielen jüdischen Familien ein Manko, das der intellektuellen Ausbildung. Ihm ist klar, dass ein junges Land tatkräftige und bodenständige Menschen braucht, die anpacken können und auch Fähigkeiten und Fertigkeiten mitbringen, die so manch Intellektuellem nicht in die ‚Wiege’ gelegt wurde, zu dem sollten alle eine gemeinsame Sprache sprechen, denn er dachte dahingehend über Deutschland weit hinaus. Gemeinsam mit dem Fabrikanten Leopold Marx und dem Musikwissenschaftler Karl Adler gründet er das ‚Stuttgarter jüdische Lehrhaus’, in welchem nach dem Vorbild des ‚Frankfurter Lehrhauses’ assimilierte und orthodoxe Juden gemeinsam lernen sollen. Großer Wert wird auch auf den hebräischen Sprachunterricht gelegt; das Haus dient auch als Austauschstätte zwischen Juden und Christen. Seit 1930 ist Hirsch Präsident des ‚Oberrats der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs’, vier Jahre später übernimmt er zudem die Geschäftsleitung der ‚Reichsvertretung der deutschen Juden’. Mit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten glaubte der ‚deutsche Verwaltungsbeamte’ Otto Hirsch, der er im tiefsten Inneren war ein deutscher Beamter war, an Recht und Gesetz. Ihm war zwar klar, dass sich die Repressalien auf die Juden verstärken würden, doch sein Vertrauen in die zivile Gesellschaft war (noch) groß. Er rief die Juden Deutschlands öffentlich zur Einigkeit auf, und erinnerte die nationalsozialistische Führung, ebenso öffentlich, an die bestehenden Gesetze und das völlig reibungslose Zusammenleben von Juden und Deutschen in den letzten Jahrzehnten. Dass seine Aufrufe und öffentlichen Stellungnahmen wenig Eindruck bei der NS-Führung hinterließ,
ist aus heutiger Sicht nachvollziehbar, doch für Otto Hirsch, den tief verwurzelten Deutschen, war es zu der Zeit undenkbar, dass an den elementarsten Gesetzen des Landes und ihrer gesellschaftlichen Werte stark gerüttelt werden könnte. Weite Teile der deutschen Juden, vor allen Dingen Ältere, gingen dahingehend mit ihm konform. Aber es gab auch Stimmen, die ihm vorwarfen, er würde sich dem System der Nationalsozialisten anbiedern. Doch in den nächsten Jahren lag sein Hauptaugenmerk in der Hilfe zu Auswanderung, hier arbeitete er mit allen nationalen und internationalen Stellen zusammen, um so vielen Juden wie möglich Pässe und Visa zu beschaffen, je weiter die Jahre im nationalsozialistischen System und die Bedrängnis der Juden voranschritt, desto häufiger griff er auch zu gefälschten Unterlagen zurück. Doch er verlor bei all der Arbeit nicht aus dem Auge, dass Sprachkurse und das Erlernen praktischer Berufe ein Rüstzeug für die neue ‚Heimat’ sind, denn er unterstützte ganz besonders die Juden, die nach Palästina auswandern wollten. Vom 6. Juli 1938 bis zum 15. Juli 1938 nahm Otto Hirsch an der Konferenz von Évian teil, die auf Initiative des Präsidenten der USA im französischen Évian-les-Bains am Genfersee stattfand. Roosevelt hatte zu dieser Konferenz die Staaten der Welt eingeladen, um die bedrohten Juden aus Deutschland und Österreich aufzunehmen. Auch hier arbeitete Otto Hirsch im Hintergrund, den Teilnehmern den ernst der Lage der Juden im deutschen Reich darzustellen und um an gültige Visa zu kommen. Dass sich die Weltgemeinschaft nicht wirklich auf eine Erhöhung der Einwanderungskontingente für Juden einigen konnte, zeigt, dass diese als gescheitert anzusehen war. Doch Otto Hirsch selbst ging mit einigen Zusagen für Visa zurück nach Berlin. Die Lage der verbliebenen Juden verschlechterte sich immer mehr und die antisemitische Propaganda steigerte sich bis zur Eskalation im November 1938, der Reichspogromnacht. Im Juli 1939 wird die ‚Reichsvertretung der deutschen Juden’ in der alten Form aufgelöst. An ihre Stelle tritt eine ‚Reichsvereinigung’, die direkt der Gestapo unterstellt ist, und in der die Mitgliedschaft für alle noch in Deutschland lebende Juden Pflicht ist. Federführend ist nun auch Otto Hirsch an den Plänen Heydrichs und Eichmann beteiligt, dem sogenannten Madagaskarplan. Dieser sah vor, vier Millionen europäischer Juden auf die französische Inselkolonie Madagaskar zu deportieren. Zu diesem Plan veröffentlichte Hirsch eine Denkschrift, die zu hitzigen Diskussionen unter den deutschen Juden führte und ihm auch wieder der Vorwurf gemacht wurde, zu eng und zu willfährig mit den NS-Behörden zusammen zu arbeiten. Dass er in der Denkschrift erklärte, dass er eine Auswanderung der Juden nach Palästina präferierte, ging dabei unter. Ob der Madagaskarplan nur eine Augenwischerei der NS-Behörden war oder wirklich als Alternative gesehen wurde, muss hier dahingestellt bleiben. Die Situation der Juden im gesamten Reich verschlechterte sich zusehends und mit Beginn des Zweiten Weltkriegs war ihnen jegliche Ausreise verboten. Dem Sohn und den beiden Töchtern Otto Hirschs gelang 1940 die Flucht aus Deutschland; alle drei überlebten die Zeit des Holocaust.
Ende 1940, beziehungsweise Anfang 1941 kam es zu ersten Deportationen deutscher Juden, die Saarpfalz und Baden sollten als erste ‚judenfrei’ werden und galten aus Sicht der Nationalsozialisten als ‚Versuchsballon’, um die Reaktion der Bevölkerung auf die Deportation zu beobachten. Die Badener und Saarpfälzer Juden wurden in französische Auffanglager zusammengefasst, um später in die Vernichtungslager im Osten deportiert zu werden. Nach dieser Deportation erhoben fast alle führenden Mitglieder jüdischer Organisationen öffentlich Protest, in allen jüdischen Kultusgemeinden wurde davon berichtet und dem öffentlichen Protest schloss sich ein Fastentag aller Juden an, auch wurden im gesamten Reich alle jüdischen Kulturveranstaltungen für eine Woche abgesagt. Otto Hirsch beließ es nicht nur bei einem öffentlichen Protest, er legte eine schriftliche Beschwerde beim Reichssicherheitshauptamt ein und drang darauf, dass diese Heydrich zugänglich gemacht wurde. Kurz darauf wurde eine der wichtigsten Personen der ‚Reichsvereinigung der Juden’, der Rechtsanwalt Julius Seligsohn verhaftet, in das Konzentrationslager Sachsenhausen verbracht, wo er nach ganz kurzer Zeit verstarb. Dies sollte eine Warnung an Otto Hirsch sein, denn noch wollten die Nationalsozialisten nicht auf den vordergründig kompromissbereiten Mann verzichten. Doch Otto Hirsch arbeitete weiter, um das Leid der Menschen zu mildern, da es nun keine legalen Wege der Auswanderung mehr gab, versuchte er Fluchtwege zu initiieren. Immer häufiger stellte er sich den Forderung der Dienstelle Eichmanns in den Weg, in dem er prinzipiell auf die Gesetze pochte und so die Umsetzung verzögerte oder kurzzeitig stoppte. In dieser Zeit konnten Warnungen an die Gemeinden gegeben werden, was die Arbeit der
Gestapo erschwerte. Im Februar 1941 wurde Otto Hirsch verhaftet und ins Konzentrationslager Mauthausen verbracht. Wenige Monate später, am 19. Juni 1941 verstarb Otto Hirsch, als Todesursache wurde ‚Colitis ulcerosa’ in der entsprechenden Karteikarte angegeben.
Seine Frau Martha wurde im Oktober 1942 verschleppt und gilt als verschollen.
In Stuttgart erinnern die Otto-Hirsch-Brücken im Stadtteil Hedelfingen an den ‚Held ohne Schwert’, als den ihn sein Freund Leopold Marx 1941 in einem Gedicht ehrt.
Weiterlesen:
➼ Die Konferenz von Évian • Ein Scheitern der Welt
➼ Madagaskar • Plan zur Deportation europäischer Juden
➼ Das Konzentrationslager Mauthausen · Eine Einleitung
➼ Die Leiden der Menschen im Konzentrationslager Mauthausen
… kein Artikel montags … doch ich schreibe …
Liebe Leser, obwohl ich montags keinen Artikel veröffentliche, möchte ich doch einen Gruß an dieser Stelle hinterlassen. Ich bin heute in Eile, da ich schon in Gedanken beim Schreiben bin und ich denke, dass ich heute gut voran komme, na, hoffentlich bleibt das so. Eins möchte ich noch kurz erwähnen, dies und die folgenden Bilder der nächsten Wochen, hat meine Freundin Claudi erstellt, meine 'Hofbilderstatterin' sozusagen
, ich danke ihr dafür hier von Herzen.
Herzlichst,
Rena Jacob
Weiterlesen:
➼ Information zu Neuem auf ‚sunday news’ …
An die Nachgeborenen • Ein Gedicht an uns heute adressiert …
Bertolt Brecht war einer der bedeutsamsten deutschen Dramatiker und Lyriker des 20. Jahrhunderts. Seine Werke wurden und werden weltweit aufgeführt und haben bis heute ihre Bedeutung nicht verloren …
Am 15. Juni 1939 erschien in dem kritischen Wochenblatt ‚Die neue Weltbühne’, die sich an das bekannte rote Heftchen der ‚Weltbühne’ von Tucholsky und Ossietzky anlehnte und die nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten sofort nach dem Reichstagsbrand verboten wurde, nun zuerst in Prag, dann in Paris publiziert wurde, veröffentlichte Bertolt Brecht einen der wichtigsten Texte der deutschen Exilliteratur und ein Vermächtnis an uns heute.
Das Gedicht ‚An die Nachgeborenen’.
Das Gedicht ist das einzige aus Brechts Werk, zu dem eine Lesung durch den Autor selbst überliefert ist.
An die Nachgeborenen
I
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende
Hat die furchtbare Nachricht
Nur noch nicht empfangen.
Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
Der dort ruhig über die Straße geht
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde
Die in Not sind?
Es ist wahr: ich verdiene noch meinen Unterhalt
Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts
Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich satt zu essen.
Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt, bin ich verloren.)
Man sagt mir: Iß und trink du! Sei froh, dass du hast!
Aber wie kann ich essen und trinken, wenn
Ich dem Hungernden entreiße, was ich esse, und
Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt?
Und doch esse und trinke ich.
Ich wäre gerne auch weise.
In den alten Büchern steht, was weise ist:
Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit
Ohne Furcht verbringen
Auch ohne Gewalt auskommen
Böses mit Gutem vergelten
Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen
Gilt für weise.
Alles das kann ich nicht:
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
II
In die Städte kam ich zur Zeit der Unordnung
Als da Hunger herrschte.
Unter die Menschen kam ich zu der Zeit des Aufruhrs
Und ich empörte mich mit ihnen.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.
Mein Essen aß ich zwischen den Schlachten
Schlafen legte ich mich unter die Mörder
Der Liebe pflegte ich achtlos
Und die Natur sah ich ohne Geduld.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mich gegeben war.
Die Straßen führten in den Sumpf zu meiner Zeit.
Die Sprache verriet mich dem Schlächter.
Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden
Saßen ohne mich sicherer, das hoffte ich.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.
Die Kräfte waren gering. Das Ziel
Lag in großer Ferne
Es war deutlich sichtbar, wenn auch für mich
Kaum zu erreichen.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.
III
Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
In der wir untergegangen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der finsteren Zeit
Der ihr entronnen seid.
Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd
Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt
Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung.
Dabei wissen wir doch:
Auch der Hass gegen die Niedrigkeit
Verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.
Ihr aber, wenn es so weit sein wird
Dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unsrer
Mit Nachsicht.
In Hinsicht auf die Geschehnisse in unserem Land, bei unseren Nachbarn in Europa oder sonst wo auf dieser Welt, ist das heute aktuell und bedenkswert …
Bertolt Brecht Werke: Gedichte 2. Vol. 12. Berlin: Aufbau-Verlag, 1988; pp. 85-7.
Glück im Traum • Ein Gedicht von Otto Julius Bierbaum
Ach, was sah ich im Traum:
Du hast die Hand mir gegeben,
Und stumm sprach mir dein Mund:
Ja, ich fühle wie du.
Tief im Walde geschahs;
Es sangen um uns die Vögel,
Sonne küsste das Moos
Und deinen seidenen Schuh.
Nahe warst du mir so,
Dass deinen Atem ich fühlte,
Und ich sah dir ins Aug,
Und ich weinte vor Glück.
Mädchen, was mir der Tag
An Kümmernissen mag bringen:
Lächelnd denk ich des Traums,
Selig denk ich an dich.
Traumbilder – Quelle: papiertheater.com
Judith Kerr • Ihr wurde nicht nur das rosa Kaninchen gestohlen
"In der Emigration gab es keinen windstillen Winkel; das Exil erlaubte keine weltabgewandte Haltung, es stellte den Vertriebenen immer wieder vor praktische Aufgaben, es führte ihn immer wieder dazu, den Anschluss an Schicksalsgefährten zu suchen." Franz Carl Weiskopf
Die Tochter des berühmten Theaterkritikers und Literaten Alfred Kerr ist selbst als Schriftstellerin von Kinderliteratur berühmt geworden, deren Protagonisten in ihren Büchern immer auch einen realen und vor allen Dingen familiären Hintergrund
hatten, ob es der Tiger, die Katze oder das Kaninchen waren, der Aufhänger ihrer Bücher entstammte immer selbst erlebtem, ob als Mutter ihrer eigenen Kinder oder ihren eigenen Kindheitserinnerungen. Nur knapp 10 Jahre durfte Judith Kerr in ihrem Geburtsland Deutschland leben, denn am 4. März 1933 ging sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Michael für immer aus Deutschland fort, musste Berlin, ihre Geburtsstadt, verlassen, weil sie Jüdin war und die Tochter ihres Vaters, einem entschiedenen Gegner Hitlers und seiner Schergen. Die am 14. Juni 1923 geborene Judith Kerr erreichte mit Mutter und Bruder wohlbehalten das Schweizer Exil, hier traf sie auf den Vater, der bereits seit einem knappen Monat dort schon lebte und so war die Familie vereint, was über die nächsten Jahre der wichtigste Faktor im Leben von Judith Kerr sein sollte. Über die Schweiz ging dann Judith mit ihren Eltern nach Paris, doch auch dort konnten sie nicht bleiben, so ging es weiter nach England, wo sie dann in London lebte und noch heute lebt. Hier in England fanden die Kerrs ein neues zu hause, wobei es für den Familienvater, der damals schon weit über 60 Jahre war, am schwersten war, denn zum einen war er der englischen Sprache nicht so mächtig und zum anderen lagen die Jobs in seinem Metier nicht unbedingt auf der Straße, so erlebte Judith Kerr in eher ärmlichen Verhältnissen zu leben und sich selbst nach erfolgreicher Ausbildung auf eigene Füße zu stellen. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete sie beim Roten Kreuz und nach dem Krieg erhielt sie eine Anstellung bei der BBC als Redakteurin und Lektorin. Auch ihr Bruder Michael hatte in seinem neuen Land gut Fuß gefasst, er wurde ein erfolgreicher Jurist, ja, er wurde später als einer der führenden Juristen in Großbritannien auch in den Adelsstand erhoben. Die gesamte Familie Kerr war in ihrem Gastland angekommen und keiner ging mehr weg, aus Exillanten wurden Briten, ein schwieriger Weg für jeden der Familie, wobei ihre Stärke im Zusammenhalt und der Liebe zueinander lag. 1954 heiratete Judith Kerr den britischen Fernsehautor Nigel Kneale, hatte mit ihm zwei Kinder und arbeitete als freiberufliche Malerin und Kinderbuchautorin. Ihr erstes Buch ‚The Tiger Who Came to Tea’, das sie auch selbst illustrierte, wurde gleich ein Erfolg und nach weiteren Kinderbüchern begann sie, auf Anregung ihres Mannes, mit ihrem
später erfolgreichsten Buch: ‚Als Hitler das rosa Kaninchen stahl’.
In diesem mehrmals prämierten Jugendbuch erzählt sie von ihren Erlebnissen als 10jährigem Mädchen, dass die Heimat Berlin, ihre Schule, ihre Freunde von einem Tag zum anderen verlassen musste. Sie erzählt mit leichter Hand, was es heißt im Exil zu leben, sich bewusst zu machen, dass sie Jüdin ist und sich neue Sprachen anzueignen. Sie erzählt aber auch eindrucksvoll, wie wichtig unter solchen Umständen der Zusammenhalt einer Familie ist und wie sehr dies ein Kind ‚erden’ kann, bei allen Widrigkeiten, durch die es hindurch musste. Das Buch endet mit dem erreichen Englands, dem sicheren Hafen für die Familie.
Das Buch ist für Kinder ab 10 Jahre geeignet und Kinder finden dies Buch ganz herrlich, denn die können sich mit dem einen oder anderen identifizieren, bekommen einen ersten Einblick in das düstere Kapitel der deutschen Geschichte, doch können auch die Kinder von heute gute Verbindungen herstellen, denn auch sie kennen andere Kinder, die aus der Fremde zu uns kommen, oder kommen selbst aus einem anderen Land. Tja, und dass ein Kind seinem verlorenen Kuscheltier, hier dem rosa Kaninchen, nachtrauert, ist jedem, ob Groß oder Klein mehr als verständlich.
Das Buch ‚Als Hitler das rosa Kaninchen stahl’ ist der erste Band einer Trilogie über die Kindheit und Jugend der Judith Kerr. Als das Buch 1971 in England herauskam, wollten deutsche Verleger zuerst damit nichts zutun haben, da sie allein schon das Titelbild von einem Spielzeug und dem Hakenkreuz ablehnten, doch ein Jahr später kam es auch in Deutschland heraus, mit großem Erfolg. Heute hat das Buch in den Kanon der Schulliteratur für Schüler ab der 4. Klasse Eingang gefunden. Judith Kerr ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland.
Weiterlesen:
➼ 30. Januar 1933 • Beginn eines Terrorregimes
➼ Machtübergabe►30. Januar 1933►Und Heute: 30. Januar 2013
➼ Adolf Hitlers ‚gläubiger’ Antisemitismus
darüber hinaus:
➼ Bücherverbrennung 1933 • Ein Akt der Barbarei
➼ Monika Mann • Ungeliebtes Kind • Geliebte Frau, Schriftstellerin
➼ Ruth Rewald-Schaul • Kinderbuchautorin verstarb in Auschwitz
Bild 1: Kudith Kerr 2005 – Quelle: gr-assets.com · Bild 2: Buchtitel Judith Kerr – Quelle: amazon.com
