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Marianne Cohn✡ Im Widerstand: Verfolgt ►Gejagt ►Ermordet

Die Familie Cohn war eine politisch aufgeschlossene jüdische Familie, die dem Mittelstand angehörte und gut integriert in Mannheim lebte. Hier wurde auch die jüngste Tochter Marianne am 17. September 1922 geboren. Marianne und ihre Marianne Cohn Schwester Lisa wuchsen gut behütet auf, doch aus beruflichen Gründen musste der gebürtige Berliner Alfred Cohn zurück in seine Heimatstadt und so zogen er und seine Familie 1929 nach Berlin und fanden im Ortsteil Mariendorf eine neue Heimat. Schnell wurde die Familie auch hier sesshaft, zumal viele verwandte und Freunde in der Stadt lebten. Mit einem seiner ehemaligen Schulfreunde hatte Alfred bis zu dessen Ende immer einen engen Kontakt, zu Walter Benjamin. Doch die Zeiten waren unruhig im Berlin der Weimarer Republik, politische Konflikte wurden oft handgreiflich auf der Straße ausgetragen und die Krawalle der SA und ihre antisemitischen Parolen trugen nicht zum Wohlgefühl einer jüdischen Familie bei. Trotzdem versuchten die Eltern den beiden Töchtern ein harmonisches Familienleben zu gestalten, was ihnen auch gelungen sein muss, denn die Zeiten, die auf die Familie zukamen waren dunkel und brutal, so das eine liebevolle Basis der Mädchen ein gutes für sie Rüstzeug war. Marianne war ein aufgewecktes Mädchen mit einem sehr großen Gerechtigkeitssinn, das sie auch zeitweise recht streitbar machte, doch ihre größte Kompetenz lag in ihrer Fürsorglichkeit anderen gegenüber. Gleich nach der Regierungsübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde der jüdische Geschäftspartner Alfred Cohns verhaftet und ihm selbst wurde die Emigration nahe gelegt. 1934 zog die Familie Cohn nach Paris, doch aufgrund von Geschäftsbeziehungen des Vaters zogen sie im gleichen Jahr nach Barcelona weiter. Hier besuchten Marianne und ihre Schwester eine Schweizer Schule, doch die Lebensverhältnisse waren hier sehr beengt, beruflich konnte der Vater keinen Fuß fassen, so dass die Familie eher von der Hand in den Mund lebte, doch für Marianne selbst war das eine schöne Zeit, die Familie war zusammen und in Sicherheit, denn die Nachrichten aus Deutschland waren mehr als bedrückend. In einer solchen Zeit der äußeren wie auch familiären Brüche müssen Kinder oftmals viel schneller erwachsen werden als in anderen Zeiten, so auch Marianne und ihre Schwester. Doch auch die Verhältnisse in Spanien veränderten sich und wegen des ausbrechenden Bürgerkriegs 1936 in Spanien, schickten die Eltern die beiden Mädchen nach Paris zu Verwandten, doch auch dort blieben sie nicht lange, denn dann ging es nach Bern, wo sie bei Pflegefamilien untergebracht wurden und auch dort wieder zur Schule gingen. Doch die Aufenthaltsgenehmigung für die Mädchen war nur begrenzt, so kamen sie 1938 wieder nach Paris, dort trafen sie auch auf ihre Eltern, die vor den Kriegswirren des Bürgerkriegs geflohen waren. Marianne Cohn entdeckte für sich den Zionismus, zuerst als schwärmerische Idee vom gelobten Land, aber auch getragen von dem Wunsch einer Heimat; denn zu oft musste sie die Orte verlassen, in denen sie sich gerade heimisch fühlte. Auch wenn sie gerade erst 16 Jahre alt war, so war ihr doch bewusst, dass dieses in Aufruhr befindliche Europa keine feste Heimat für sie sein könnte. Noch waren in ihr keine politischen Überzeugungen in Hinsicht auf den Zionismus, doch sie begeisterte sich für die Idee eines friedlichen Landes für alle jüdischen Menschen.

Die Atempause in Paris dauerte nicht lange für die Familie Cohn, im Frühsommer 1940 nachdem die Deutsche Wehrmacht in Frankreich einmarschierte, wurde Mariannes Vater im Marianne Cohnsüdfranzösischen Vilmalar interniert und von dort ins Camps de Gurs verbracht; nachdem er von dort aus gesundheitlichen Gründen entlassen wurde, kam er erneut in ein Internierungslager für Juden, dem er entkommen konnte und lebte von dort an mit seiner Familie in Paris unter falschem Namen. Marianne arbeitete seit 1943 als Kinderfürsorgerin bei der zionistischen Jugendorganisation ‚Mouvement de la Jeunesse Sioniste’ und ernährte mit ihrem Gehalt die untergetauchte Familie. Zur gleichen Zeit schloss sie sich dem Widerstand an, unter anderem der ‚Organization Juife de Combat’ einer jüdischen Widerstandsbewegung, die sich auch um die Rettung jüdischer Kinder kümmerte, hier lag das Arbeitsfeld von Marianne Cohn. Bei einer solchen Aktion wurde sie verraten, als sie dabei war mit ungefähr 30 Kindern von Frankreich in die rettende Schweiz zu gelangen. Am 30. Mai 1944 wurden sie und die Kinder von der Gestapo festgenommen und obwohl sie selbst eine Möglichkeit zur Flucht hatte, nutzte sie diese nicht, um die Kinder nicht zu verlassen. Doch sie wurde von den Kindern getrennt und durchlitt eine brutale und grausame Haftzeit, am 8. Juli 1944 wurde die damals 21jährige Marianne Cohn in Ville-la-Grande, Haute Savoie von der Gestapo um 5:30 erschossen. Mit anderen Widerstandskämpfern wurde sie am Ortsausgang verscharrt, hier wurde auch nach der Befreiung Frankreichs ihre geschändete und verstümmelte Leiche gefunden. Die näheren Umstände ihres Todes sind bis heute nicht erforscht. Erhalten blieb ihr Gedicht ‚Verraten werde ich morgen’, dass sie währen der Folterhaft im Gestapogewahrsam schrieb:

Je trahirai demain, pas aujourd'hui
Aujourd'hui, arrachez-moi les ongles
Je ne trahirai pas !
Vous ne savez pas le bout de mon courage.
moi, je sais.
Vous êtes cinq mains dures avec des bagues.
Vous avez aux pieds des chaussures avec des clous.
Je trahirai demain. Pas aujourd'hui,

Demain.
Il me faut la nuit pour me résoudre.
Il ne me faut pas moins d'une nuit
Pour renier, pour abjurer, pour trahir.
Pour renier mes amis,
Pour abjurer le pain et le vin,
Pour trahir la vie,
pour mourir.
Je trahirai demain. pas aujourd'hui.
La lime est sous le carreau,
La lime n'est pas pour le bourreau,
La lime n'est pas pour le barreau,
Le lime est pour mon poignet.
Aujourd'hui, je n'ai rien à dire.
Je trahirai demain


Posthum wurde Marianne Cohn am 7. November 1945 geehrt, von der Militärregierung Lyon wurde ihr das Kriegskreuz mit silbernem Stern verliehen. In Ville-la-Grande wurde 1956 eine Straße nach ihr benannt und ein Denkmal, auch für fünf andere am selben Tag ermordete Widerstandskämpfer, errichtet.

Stolperstein_Wulfila_Ufer_52_(Templ)_Marianne_CohnFrançois Mitterrand eröffnete ihr zu Ehren 1982 einen Garten in der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem und in Annemasse wurde 1984 eine Schule nach ihr benannt.

In der Oberlandstraße in Berlin-Tempelhof trägt die ‚Marianne-Cohn-Schule’ für geistig behinderte Kinder ihren Namen.

An ihrer letzten Wohnadresse Wulfila-Ufer 52 in Berlin-Tempelhof wurde 2007 ein Stolperstein zum Gedenken verlegt.

Die dreißig jüdischen Kinder, für die Marianne Cohn auf ihre Freiheit und ihr Leben verzichtete, überlebten die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten, ebenso ihre Schwester Lisa und ihre Eltern.

 

Weiterlesen:

30. Januar 1933 • Beginn eines Terrorregimes

Camp de Gurs • Südfrankreich • Vorhof der Hölle

In eigner Sache…

Auf Aufenhöhe

Liebe Leser,

seit über einem Monat schwieg ‚sunday news’, nicht weil es nichts zu sagen, beziehungsweise zu schreiben gegeben hätte, sondern weil ich krankheitsbedingt pausieren musste. Diese Zeit benötigte ich, um körperlich wieder einigermaßen zu gesunden, was mir auch half in Verbindung mit ärztlichen Vorgaben und familiärer Unterstützung. So fühle ich mich annähernd wieder hergestellt, doch muss ich nun alles wahrlich langsam angehen lassen, um meinen fragilen Gesundheitszustand zu festigen. Doch freue ich mich auch, wieder das zu tun, was ich nun wirklich gern mache, nämlich zu schreiben. Ich werde zwar noch nicht wieder täglich neue Artikel verfassen, denn das wäre noch zu viel für mich, doch ein oder zweimal die Woche will ich schon wieder schreiben, denn das ist mir auch ein Anliegen. Ja, auch eine innere Treibfeder.

Ich danke allen für die guten Wünsche in den letzten Wochen, für die E-Mails und die Anrufe; die mich sehr berührt haben. Ferner danke ich meiner Familie für ihre Unterstützung und Liebe.

Auch danke ich allen Lesern, die auch in dieser langen ‚Zwangspause’ mir die Treue hielten.

Ich hoffe, dass wir uns nun wieder häufiger lesen und grüße alle herzlichst,

Rena Jacob  

Jorinde und Joringel • Ein Märchen der Gebrüder Grimm

Zauberschloss

Es war einmal ein altes Schloss mitten in einem großen dicken Wald, darinnen wohnte eine alte Frau ganz allein, das war eine Erzzauberin. Am Tage machte sie sich zur Katze oder zur Nachteule, des Abends aber wurde sie wieder ordentlich wie ein Mensch gestaltet. Sie konnte das Wild und die Vögel herbei locken, und dann schlachtete sie es, kochte und briet es. Wenn jemand auf hundert Schritte dem Schloss nahe kam, so musste er stille stehen und konnte sich nicht von der Stelle bewegen, bis sie ihn los sprach: wenn aber eine keusche Jungfrau in diesen Kreiß kam, so verwandelte sie dieselbe in einen Vogel, und sperrte sie dann in einen Korb ein, und trug den Korb in eine Kammer des Schlosses. Sie hatte wohl sieben tausend solcher Körbe mit so raren Vögeln im Schlosse.
Nun war einmal eine Jungfrau, die hieß Jorinde: sie war schöner als alle andere Mädchen. Die, und dann ein gar schöner Jüngling, Namens Joringel, hatten sich zusammen versprochen. Sie waren in den Brauttagen und sie hatten ihr größtes Vergnügen eins am andern. Damit sie nun erst einmale vertraut zusammen reden könnten, gingen sie in den Wald spazieren. „Hüte dich,“ sagte Joringel, „dass du nicht so nahe ans Schloss kommst.“ Es war ein schöner Abend, die Sonne schien zwischen den Stämmen der Bäume hell ins dunkle Grün des Waldes, und die Turteltaube sang kläglich auf den alten Maibuchen.
Jorinde weinte zuweilen, setzte sich hin im Sonnenschein und klagte; Joringel klagte auch. Sie waren so bestürzt, als wenn sie hätten sterben sollen: sie sahen sich um, waren wirr und wussten nicht wohin sie nach Hause gehen sollten. Noch halb stand die Sonne über dem Berg und halb war sie unter. Joringel sah durchs Gebüsch und sah die alte Mauer des Schlosses nah bei sich; er erschrak und wurde bang. Jorinde sang:

 

"mein Vöglein mit dem Ringlein rot

singt Leide, Leide, Leide:

es singt dem Täubelein seinen Tod,

singt Leide, Leide

zicküth, zicküth, zicküth."

 

Joringel sah nach Jorinde. Jorinde war in eine Nachtigall verwandelt, die sang ' zicküth, zicküth.' Eine Nachteule mit glühenden Augen flog dreimal um sie herum und schrie dreimal 'schu, hu, hu, hu.' Joringel konnte sich nicht regen: er stand da wie ein Stein, konnte nicht weinen, nicht reden, nicht Hand noch Fuß regen. Nun war die Sonne unter: die Eule flog in einen Strauch, und gleich darauf kam eine alte krumme Frau aus diesem hervor, gelb und mager: große rote Augen, krumme Nase, die mit der Spitze ans Kinn reichte. Sie murmelte, fing die Nachtigall und trug sie auf der Hand fort. Joringel konnte nichts sagen, nicht von der Stelle kommen; die Nachtigall war fort. Endlich kam das Weib wieder und sagte mit dumpfer Stimme: „Grüß dich, Zachiel, wenns Möndel ins Körbel scheint, bind los, Zachiel, zu guter Stund.“ Da wurde Joringel los. Er fiel vor dem Weib auf die Knie und bat sie möchte ihm seine Jorinde wieder geben, aber sie sagte er sollte sie nie wieder haben, und ging fort. Er rief, er weinte, er jammerte, aber alles umsonst. „Uu, was soll mir geschehen?“ Joringel ging fort und kam endlich in ein fremdes Dorf: da hütete er die Schafe lange Zeit. Oft ging er rund um das Schloss herum, aber nicht zu nahe dabei. Endlich träumte er einmal des Nachts, er fand eine blutrote Blume, in deren Mitte eine schöne große Perle war. Die Blume brach er ab, ging damit zum Schlosse: alles, was er mit der Blume berührte, ward von der Zauberei frei: auch träumte er, er hätte seine Jorinde dadurch wieder bekommen. Des Morgens, als er erwachte, fing er an durch Berg und Tal zu suchen ob er eine solche Blume fände: er suchte bis an den neunten Tag, da fand er die blutrote Blume am Morgen früh. In der Mitte war ein großer Tautropfen, so groß wie die schönste Perle. Diese Blume trug er Tag und Nacht bis zum Schloss. Wie er auf hundert Schritt nahe bis zum Schloss kam, da ward er nicht fest, sondern ging fort bis ans Tor. Joringel freute sich hoch, berührte die Pforte mit der Blume, und sie sprang auf. Er ging hinein, durch den Hof, horchte wo er die vielen Vögel vernähme: endlich hörte er sie. Er ging und fand den Saal, darauf war die Zauberin und fütterte die Vögel in den sieben tausend Körben. Wie sie den Joringel sah, ward sie bös, sehr bös, schalt, spie Gift und Galle gegen ihn aus, aber sie konnte auf zwei Schritte nicht an ihn kommen. Er kehrte sich nicht um sie und ging, besah die Körbe mit den Vögeln; da waren aber viele hundert Nachtigallen, wie sollte er nun seine Jorinde wieder finden? Indem er so zusah, merkte er dass die Alte heimlich ein Körbchen mit einem Vogel wegnahm und damit zu der Türe ging. Flugs sprang er hinzu, berührte das Körbchen mit der Blume und auch das alte Weib: nun konnte sie nichts mehr zaubern, und Jorinde stand da, hatte ihn um den Hals gefasst, so schön wie sie ehemals war. Da machte er auch alle die andern Vögel wieder zu Jungfrauen, und da ging er mit seiner Jorinde nach Hause, und sie lebten lange vergnügt zusammen.

Weiterlesen:

Der stolze Schmetterling • Eine Fabel aus Zentralafrika

Die Spinne und die Weisheit • Ein Märchen aus Ghana

Die Steine der Tränen • Ein Märchen aus Peru

Das brennende Geld • Eine Sage von Ernst Moritz Arndt

Ein Märchen • Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern

Zauberschloss – Quelle: Computerbild.de

Der Bücherfreund • Ein Gedicht von Joachim Ringelnatz

Bibliothek

Ob ich Biblio- was bin ?
Phile? "Freund von Büchern" meinen Sie?
Na, und ob ich das bin !
Ha ! und wie !
Mir sind Bücher, was den anderen Leuten
Weiber, Tanz, Gesellschaft, Kartenspiel,
Turnsport, Wein und weiß ich was, bedeuten.
Meine Bücher — wie beliebt ? Wie viel ?
Was, zum Henker, kümmert mich die Zahl.
Bitte, doch mich auszureden lassen.
Jedenfalls: viel mehr, als mein Regal
Halb imstande ist zu fassen.
Unterhaltung ? Ja, bei Gott, das geben
Sie mir reichlich. Morgens zwölfmal nur
Nüchtern zwanzig Brockhausbände heben —
Hei ! das gibt den Muskeln die Latur.
Oh, ich musste meine Bücherei,
Wenn ich je verreiste, stets vermissen.
Ob ein Stuhl zu hoch, zu niedrig sei,
Sechzig Bücher sind wie sechzig Kissen.
Ja natürlich auch vom künstlerischen
Standpunkt. Denn ich weiß die Rücken
So nach Gold und Lederton zu mischen,
Daß sie wie ein Bild die Stube schmücken.
Äußerlich ? Mein Bester, Sie vergessen
Meine ungeheure Leidenschaft,
Pflanzen fürs Herbarium zu pressen.
Bücher lasten, Bücher haben Kraft.
Junger Freund, Sie sind recht unerfahren,
Und Sie fragen etwas reichlich frei.
Auch bei andern Menschen als Barbaren
Gehen schließlich Bücher mal entzwei.
Wie ? – ich jemals auch in Büchern lese ??
Oh, sie unerhörter Ese —
Nein, pardon! – Doch positus, ich säße
Auf dem Lokus und Sie harrten
Draußen meiner Rückkehr, ach dann nur
Ja nicht länger auf mich warten.
Denn der Lokus ist bei mir ein Garten,
Den man abseits ohne Zeit und Uhr
Düngt und erntet dann Literatur.
Bücher – Nein, ich bitte Sie inständig:
Nicht mehr fragen ! Lass dich doch belehren !
Bücher, auch wenn sie nicht eigenhändig
Handsigniert sind, soll man hochverehren.
Bücher werden, wenn man will, lebendig.
Über Bücher kann man ganz befehlen.
Und wer Bücher kauft, der kauft sich Seelen,
Und die Seelen können sich nicht wehren. 

Ob ich Biblio- was bin ?
Phile? "Freund von Büchern" meinen Sie?
Na, und ob ich das bin !
Ha ! und wie !
Mir sind Bücher, was den anderen Leuten
Weiber, Tanz, Gesellschaft, Kartenspiel,
Turnsport, Wein und weiß ich was, bedeuten.
Meine Bücher — wie beliebt ? Wie viel ?
Was, zum Henker, kümmert mich die Zahl.
Bitte, doch mich auszureden lassen.
Jedenfalls: viel mehr, als mein Regal
Halb imstande ist zu fassen.
Unterhaltung ? Ja, bei Gott, das geben
Sie mir reichlich. Morgens zwölfmal nur
Nüchtern zwanzig Brockhausbände heben —
Hei ! das gibt den Muskeln die Latur.
Oh, ich musste meine Bücherei,
Wenn ich je verreiste, stets vermissen.
Ob ein Stuhl zu hoch, zu niedrig sei,
Sechzig Bücher sind wie sechzig Kissen.
Ja natürlich auch vom künstlerischen
Standpunkt. Denn ich weiß die Rücken
So nach Gold und Lederton zu mischen,
Daß sie wie ein Bild die Stube schmücken.
Äußerlich ? Mein Bester, Sie vergessen
Meine ungeheure Leidenschaft,
Pflanzen fürs Herbarium zu pressen.
Bücher lasten, Bücher haben Kraft.
Junger Freund, Sie sind recht unerfahren,
Und Sie fragen etwas reichlich frei.
Auch bei andern Menschen als Barbaren
Gehen schließlich Bücher mal entzwei.
Wie ? – ich jemals auch in Büchern lese ??
Oh, sie unerhörter Ese —
Nein, pardon! – Doch positus, ich säße
Auf dem Lokus und Sie harrten
Draußen meiner Rückkehr, ach dann nur
Ja nicht länger auf mich warten.
Denn der Lokus ist bei mir ein Garten,
Den man abseits ohne Zeit und Uhr
Düngt und erntet dann Literatur.
Bücher – Nein, ich bitte Sie inständig:
Nicht mehr fragen ! Lass dich doch belehren !
Bücher, auch wenn sie nicht eigenhändig
Handsigniert sind, soll man hochverehren.
Bücher werden, wenn man will, lebendig.
Über Bücher kann man ganz befehlen.
Und wer Bücher kauft, der kauft sich Seelen,
Und die Seelen können sich nicht wehren. 

Vom Fußball • Ein Gedicht von Joachim Ringelnatz

Fussballwahn

Der Fußballwahn ist eine Krankheit, aber selten, Gott sei Dank!
Ich kenne wen, der litt akut
an Fußballwahn und Fußballwut.
Sowie er einen Gegenstand
in Kugelform und ähnlich fand,
so trat er zu und stieß mit Kraft
ihn in die bunte Nachbarschaft.
Ob es ein Schwalbennest, ein Tiegel,
ein Käse, Globus oder Igel,
ein Krug, ein Schmuckwerk am Altar,
ein Kegelball, ein Kissen war,
und wem der Gegenstand gehörte,
das war etwas, was ihn nicht störte.
Bald trieb er eine Schweineblase,
bald steife Hüte durch die Straße.
Dann wieder mit geübtem Schwung
stieß er den Fuß in Pferdedung.
Mit Schwamm und Seife trieb er Sport.
Die Lampenkuppel brach sofort.
Das Nachtgeschirr flog zielbewusst
der Tante Berta an die Brust.
Kein Abwehrmittel wollte nützen,
nicht Stacheldraht in Stiefelspitzen,
noch Puffer, außen angebracht.
Er siegte immer, 0 zu 8,
und übte weiter frisch, fromm, frei
mit Totenkopf und Straußenei.
Erschreckt durch seine wilden Stöße,
gab man ihm nie Kartoffelklöße.
Selbst vor dem Podex und den Brüsten
der Frau ergriff ihn ein Gelüsten,
was er jedoch als Mann von Stand
aus Höflichkeit meist überwand.
Dagegen gab ein Schwartenmagen
dem Fleischer Anlass zum Verklagen.
Was beim Gemüsemarkt geschah,
kommt einer Schlacht bei Leipzig nah.
Da schwirrten Äpfel, Apfelsinen
durch Publikum wie wilde Bienen.
Da sah man Blutorangen, Zwetschgen
an blassen Wangen sich zerquetschen.
Das Eigelb überzog die Leiber,
ein Fischkorb platzte zwischen Weiber.
Kartoffeln spritzten und Zitronen.
Man duckte sich vor den Melonen.
Dem Krautkopf folgten Kürbisschüsse.
Dann donnerten die Kokosnüsse.
Genug! Als alles dies getan,
griff unser Held zum Größenwahn.
Schon schäkernd mit der U-Boots-Mine,
besann er sich auf die Lawine.
Doch als pompöser Fußballstößer
Fand er die Erde noch viel größer.
Er rang mit mancherlei Problemen.
Zunächst: Wie soll man Anlauf nehmen?
Dann schiffte er von dem Balkon
sich ein in einen Luftballon.
Und blieb von da an in der Luft,
verschollen. Hat sich selbst verpufft. -
Ich warne euch, ihr Brüder Jahns,
vor dem Gebrauch des Fußballwahns! 

Index der Täter: Eva Justin ► Die Leiden der Sinti und Roma

Eva Hedwig Justin, so ihr voller Namen, war nie durch Fleiß oder eine intellektuelle Arbeit aufgefallen, dies ist per se nicht unbedingt anzuprangern, doch wenn man ihren beruflichen Weg betrachtet, so ist das durchaus bemerkenswert, denn diese Frau fühlte sich zu ‚Höherem’ berufen. Nun, und wie kommen Frauen an Schaltstellen von Macht ohne selbst genug qualifiziert zu sein?, am Besten durch einen Mann. Auch wenn ‚frau’ vielleicht nicht unbedingt das Blut eines Mannes in Wallung bringen kann, um als Ehefrau die gesellschaftliche Stelle inne zu haben, die ihr nach eigener Ansicht gebührt, so kann sie in seinem ‚Windschatten’ und seiner Protektion durchaus Karriere machen; so jedenfalls kam Eva Justin zu akademischen Würden. In ihrem Fall war der ‚Steigbügelhalter’ zu eben diesen Würden Dr. Robert Eva Justin 1946Ritter, Leiter der ‚Rassenhygienischen und Bevölkerungsbiologischen Forschungsstelle im Reichsgesundheitsamt’, das dieser seit 1936 innehatte. Doch bereits vorher ebnete er, der Jugendpsychiater, ihr ihren beruflichen Werdegang. Die im August 1909 in Dresden geborene Eva Justin erhielt ihr Abitur in Kötzschenbroda-Niederlößnitz am dortigen Luisenstift. Ab 1934 nahm sie an einem Lehrgang für Krankenschwestern teil, von dort wurde sie von Dr. Robert Ritter an die Universitätsnervenklinik in Tübingen geholt und schrieb sich auch zum Studium der dortigen Universität ein, obwohl sie kein abgeschlossenes Studium vorweisen konnte, sie arbeitete bereits als wissenschaftliche Assistentin von Dr. Ritter, sie immatrikulierte sich am 2. November 1937 in Berlin. Das Thema ihrer Doktorarbeit von 1943 hatte ihr kein Professor vorgegeben, hier wurde sich über alle universitären und wissenschaftlichen Gepflogenheiten hinweggesetzt, ihre mündliche Befragung erfolgte durch drei Professoren in der Privatwohnung des Dr. Ritter.

Eva Justin führte im Spätsommer 1939 eine ‚wissenschaftliche’ ‚völkerkundliche Feldforschung’ im Auftrag des außerordentlichen Professors Richard Thurnwald für Ethnologie der Universität Berlin durch, er war auch einer ihrer Gutachter ihrer Dissertation mit dem Titel: ‚Lebensschicksale artfremd erzogener Zigeunerkinder und ihrer Nachkommen. Zu dieser ‚Feldforschung’ war sie für sechs Wochen in Mulfingen, in Baden-Württemberg, im dortigen katholischen Kinderheim Stankt Josefspflege. Dort befanden sich 40 Sinto-Kinder im Alter von sieben bis sechzehn Jahren. Diese Kinder waren dort konzentriert worden, nachdem die Eltern entsprechend des sogenannten ‚Asozialenerlasses’ Heinrich Himmlers vom 14. Dezember 1937 in ein Konzentrationslager eingewiesen wurden. Wegen der ‚Feldforschung’ Eva Justins wurden die Kinder trotz den nunmehr geltenden ‚Auschwitzerlasses’ für Roma und Sinti nicht deportiert, um ihre ‚wissenschaftliche’ Arbeit nicht zu behindern. In ihrer Dissertation kam Justin zu dem Ergebnis, dass ‚Zigeuner’ durch ihre „mangelhaften Anpassungsfähigkeiten in der Regel doch mehr oder weniger asozial“ würden. Wörtlich schrieb sie: „Fast alle Zigeuner und Zigeunermischlinge sind durch eine mehr oder weniger große Haltschwäche (…) gefährdet. Das deutsche Volk braucht aber zuverlässige und strebsame Menschen und nicht den zahlreichen Nachwuchs dieser unmündigen Primitiven." Aus diesen Gründen trat sie vehement für die Zwangssterilisation von Sinto- und Roma-Frauen ein. Als Justin sicher war, dass ihre Dissertation angenommen wurde und in Druck ging, wurden die Kinder am 9. Mai 1944 nach Auschwitz deportiert, einige dienten dem SS-Arzt Joseph Mengele für ‚Menschenversuche’, doch der größte Teil von ihnen wurde im August des gleichen Jahres vergast; drei Kinder überlebten, sie gehörten zu den ‚Mengele-Kindern’.

Der Hinweis auf diese mangelnde Ausbildung der Eva Justin ist so entscheidend, wenn man spätere Gutachten und ihre Folgen für die Menschen, hier vor allen Dingen für Roma uns Sinti, betrachtet; und das leider nicht nur in der NS-Zeit, sondern lange darüber hinaus.

Doch die ausgewiesene ‚Rasseforscherin’ hatte bereits vorher als Assistentin des Dr. Ritters an Gutachten für die Sterilisation von Behinderten und Dr, Robert Ritter 1946‚unwertem’ Leben mitgewirkt, auch war sie an Arbeiten zur Euthanasie, der sogenannten T4-Aktion im Rahmen der  ‚Rassenhygienischen und Bevölkerungsbiologischen Forschungsstelle im Reichsgesundheitsamt’ (RHF) beteiligt. Nach 1943 arbeitete Eva Justin weiter als wissenschaftliche Assistentin in der RHF. Dort unterzeichnete sie allein zwischen Februar und Oktober 1944 1.320 Rassegutachten. So schrieb sie an die staatliche Kriminalpolizei Berlin am 10. Juli 1944 über die rassische Zuordnung einer Familie von fünf Musikern aus Ungarn: “Während das Äußere der Familienangehörigen nicht gerade typisch zigeunerisch ist, sondern abgesehen von der Mutter an Neger-Bastarde denken lässt, sprachen Gestik, Affektivität und Gesamtverhalten nicht nur für artfremde, sondern gerade auch für zigeunerische Herkunft. Die unechte Art scheinbar urbanen Auftretens, die Anpassung an sich flacher emotioneller Regungen an die jeweilige Umweltwirkung, die Uneinsichtigkeit und Urteilsschwäche gegenüber sachlichen Erwägungen und Folgerungen, die Standpunktlosigkeit und Unfestigkeit innerer Stellungnahme zeugen bei aller Schläue und Verschlagenheit von einer im Kern vorhandenen hochgradigen Naivität und Primitivität, wie man sie in dieser gelockerten Art bei sesshaften Europäern mit gezüchtetem Arbeitssinn nicht trifft.“

1943 waren Ritter und seine Mitarbeiterinnen kriegsbedingt von Berlin nach Fürstenfeld umgezogen. In Fürstenfeld hatten sie in einer Führerschule der Sicherheitspolizei neues Quartier gefunden. Am anderen Ortsende von Fürstenfeld lag das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. In den Jugendschutzlagern Moringen für männliche und Uckermark für weibliche Häftlinge waren Ritter und Justin für die Begutachtung der Jugendlichen zuständig. In den Lagern Ravensbrück, Moringen und Uckermark ‚begutachtete’ Justin Roma und Sinti; vor allem Kinder und Jugendliche.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bezeichnete Justin sich im Fragebogen des Entnazifizierungsverfahrens als politisch nicht belastet und gab lediglich die Mitgliedschaft und die Arbeit im Roten Kreuz und der Arbeitsfront zu. Die willfährigen Polizisten blieben ebenso unbehelligt wie die Wissenschaftler. Die Ritter-Mitarbeiterin Sophie Ehrhardt wurde in Tübingen Anthropologie-Professorin, ihre Kollegin Eva Justin Kriminalpsychologin und Sachverständige für schwer erziehbare Kinder. Selbst der Zigeunerforscher Ritter blieb dem Staate erhalten. Die Stadt Frankfurt bestellte ihn 1947 zum Leiter der Fürsorgestelle für Gemüts- und Nervenkranke und zum Jugendpsychiater. Im März 1948 wurde sie, obwohl sie niemals psychologisch mit Kindern gearbeitet hatte und auch kein Examen oder einen anderen Abschluss in Psychologie besaß, als Kinderpsychologin in Frankfurt am Main angestellt. Ihr Vorgesetzter war wiederum Robert Ritter, der seit dem 1. Dezember 1947 für die Stadt Frankfurt arbeitete. In der Folgezeit erstellte sie psychologische Gutachten schwererziehbarer Kinder. Justin und Ritter verwendeten zu dieser Zeit ihre Arbeitskraft auch darauf, die von ihnen unterschlagenen Akten des Reichsgesundheitsamtes, also die Planungsunterlagen des Völkermordes an Sinti und Roma, an Polizeibehörden und ehemalige Mitarbeiter der Forschungsstelle weiterzugeben.

Auch Ermittlungen gegen Eva Justin, die Ende der 50er Jahre und dann noch einmal in den 60er Jahren von Staatsanwaltschaften in Frankfurt am Main und in Köln aufgenommen wurden, führten nie zu einer Eva Justin 1964Anklage gegen die Frau, allein auch schon, weil der Tausendfache Mord an Roma und Sinti in der jungen Bundesrepublik nicht unter dem Blickfeld des Völkermordes gesehen wurde, ganz im Gegenteil, Opfer der NS-Zeit aus diesem Kulturkreis, wurde jeglicher Opferstatus verweigert.

1960 hatte sich Justin bereits in Frankfurter Juristenkreisen einen Namen gemacht, als Sachverständige in Entschädigungsverfahren von Sinti und Roma. Sie, von der Stadt Frankfurt als Kriminalpsychologin und Jugendpsychiaterin eingestellt, galt immer noch als ‚Zigeunerexpertin’.
Zu ihrer Arbeit in der NS-Zeit befragt zeigte Eva Justin in der ‚Frankfurter Rundschau’ vom 29. April 1963 moralisch geläutert: "Heute habe ich eingesehen, daß es nicht richtig war. Ich bin gegen die Sterilisation (…) Heute bin ich der Ansicht, eine Ordnung ohne Beziehung auf Gott ist nicht möglich!"

Im September 1966 verstarb die ‚Schreibtischtäterin’ Eva Justin völlig unbehelligt in Offenbach.

Weiterlesen:

Ermordung der Sinti und Roma in Auschwitz

Sinti & Roma · Auschwitz Erlass · Erlebnisse Überlebender

Konzentrationslager Uckermark • Erniedrigung junger Mädchen

darüber hinaus:

Frauen in der NS-Zeit • Die Sekretärin • Helferin • Unterstützerin

Euthanasie ► Definition ► im Wandel der Geschichte

Massen-Euthanasie • Aktion T4

Die Kinder-Euthanasie im Nationalsozialismus

Information zum ‘Index der Täter’

Bild 1: Eva Justin 1937 · Bild 2: Dr. Robert Ritter 1946 · Bild 3: Eva Justin 1964 – Quelle: wikimedia.org

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