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Artikel-Schlagworte: „Walter Piller“

Ein SS-Mörder über die Ermordung Tausender Juden

"Du sollst nicht töten sprach der Denker, nicht nur zum Mörder, auch zum Henker." Arnold Zweig

In der zweiten Vernichtungswelle der jüdischen Menschen im so genannten Warthegau, vornehmlich im Ghetto Lódz waren maßgeblich die Männer um Hans Bothmann zuständig, die das Vernichtungslager Chełmno für ihr mörderisches Handwerk wieder aktivierten. Stellvertreter des SS-Hauptsturmführers Bothmann war SS-Hauptscharführer Walter Piller. Piller schrieb während seiner russischen Kriegsgefangenschaft im Mai 1945 einen umfassenden Bericht von 35 Maschinen geschriebene Seiten über die Mordaktionen in Chełmno während der zweiten Phase auf, der noch heute im Original im Zentralarchiv Moskau einzusehen ist; Fotokopien liegen im Archiv Yad Vashem. Piller benutzt in seinen Ausführungen die deutsche Bezeichnung für Lódz, also Litzmannstadt, und für das Vernichtungslager Chełmno den Namen Kulmhof. Natürlich belastet sich Piller nicht selbst, doch gibt seine Abhandlung einen guten Einblick in die Abläufe und Denkmuster der damaligen Täter, die zum einen den Befehl als solches nicht hinterfragten, zum anderen die Ermordung von jüdischen Menschen als 'normale' Arbeit betrachteten …

Hier Auszüge in seiner Schreibweise:

„Nachdem ich … ungefähr April oder Mai 1944 zum SS-Sonderkommando Bothmann als sein Stellvertreter abgeordnet worden war, wurde mir durch den Führer Bothmann bekannt gegeben, dass das Ghetto Litzmannstadt von den Juden freigemacht werden soll. Den Befehl dazu gab der Reichsführer SS Himmler durch ein Schreiben bekannt, welches als ‚Geheime Reichssache’ über den Gauleiter Greiser, Inspektor der Sicherheitspolizei SS-Brigadeführer Damzog und Staatspolizeistelle Litzmannstadt, Leiter: SS-Obersturmbannführer Bradfisch zum SS-Hauptsturmführer Bothmann gelangte. Die einzelnen Punkte für die Beseitigung der Juden waren in diesem Schreiben nicht angegeben. Mir wurde auch von dem SS-Hauptsturmführer Bothmann auf meine Frage, wie er sich dies gedacht hat, nichts gesagt. Er äußerte sich jediglich, dass er bereits im Jahre 1942 ein derartiges Kommando in Kulmhof hatte, und die entsprechenden Männer, die er früher hatte, sich mitgenommen habe. Bothmann war nach Beendigung des Sonderkommandos 1942 mit sämtlichen Angehörigen der SS- und auch der Schutzpolizei zur Waffen-SS Einheit ‚Prinz Eugen’ abgestellt und fungierte dort als Geheime Feldpolizei. Lediglich Meister der Schutzpolizei Lenz verblieb in Posen und verrichtete dort auf dem Polizeirevier 1 seinen Dienst. Thiele, Gielow und ich waren also neu in diesem SS-Sonderkommando Bothmann und bei meinem Eintreffen in Kulmhof war dieses noch im Aufbau begriffen. …

Ich wurde als zunächst Dienstältester von Bothmann als sein ständiger Vertreter bestimmt. Bei meinem Eintreffen in Kulmhof wurden zurzeit die beiden Baracken in dem Walde, wo die Juden verbrannt worden sind, aufgestellt. Die beiden Öfen, die zur Verbrennung der Leichen gebraucht wurden, waren noch nicht vorhanden. Erst als die beiden Baracken aufgestellt worden waren, hat SS-Hauptscharführer Runge die beiden Öfen mit Hilfe jüdischer Arbeitskräfte aus dem Ghetto Litzmannstadt gemauert. … Ich möchte annehmen, es wird Anfang Juni oder Ende Mai 1944 gewesen sein, als die Vernichtung der Juden aus dem Ghetto Litzmannstadt anfingen und dauerten bis Mitte August 1944, denn als Polizei-Leutnant Burmeister mit 40 Männern der Schutzpolizei Mitte August nach Warschau kommandiert wurde, hörte der Transport der Juden nach Litzmannstadt endgültig auf. Das SS-Sonderkommando verblieb aber noch bis Anfang Februar 1945. …

Ziel dieses Kommandos war meines Achtens, im Rahmen der Germanisierung, wie es in vielen Befehlen zum Ausdruck gekommen ist, die Juden restlos in Deutschland zu vernichten. Den Befehl zu dieser Vernichtung gab der Reichsführer der SS Himmler, welcher als Chef der gesamten Polizei Deutschlands seitens der Geheimen Staatspolizei unbedingt nachzukommen war. Ich möchte an dieser Stelle erwähnen, dass diese Arbeit wohl von keinem der Angehörigen mit Freude gemacht wurde. Lediglich der Zwang in Verbindung durch den Befehl der Regierung erleichterte ein wenig den Alpdruck, der auf dem einen oder anderen mehr oder weniger lastete. Der Zweck dieser Arbeit ist in keinem der Schreiben, die als Geheime Reichssache an das SS-Sonderkommando Bothmann ging, angegeben worden. Es wurde lediglich erwähnt, dass bei der Vernichtung der Juden keine brutale Gewaltanwendung anzubringen ist. Dies sollte mit einer scharfen Strafe durch das SS- und Polizeigericht zur Betrafung führen.

Die Anzahl der Vernichteten betrug nach meiner Berechnung, die ich vorgenommen habe, auf rund 25 000 Juden. Die genaue Anzahl kann ich nicht angeben. Es kann sich hierbei aber nur um eine geringe Anzahl mehr oder weniger Juden handeln. Um auf diese Zahl zu gelangen, werde ich folgende Berechnung zugrunde legen:

Jeder Transport von Juden aus dem Ghetto Litzmannstadt fasste 700 Personen (manchmal waren es weniger, aus 300 Personen). Als Grundzahl will ich aber 700 betrachten. In jeder Woche sind drei Transporte gekommen. Ergibt wöchentlich 2 100 Personen. Es wurden bei dem Kommando im folgenden Monat laufend gearbeitet: Im Mai 2 Woche, in den Monaten Juni und Juli durchgehend, also 8 Wochen und im August 1944 nochmals 2 Wochen. Ergibt zusammen 12 Wochen = 25 000 Juden. Ab Mitte August wurde der laufende Transport von Juden restlos eingestellt. Lediglich zweimal im Abstand von etwa einem Monat je 30 Juden aus dem Ghetto Litzmannstadt mit dem LKW nach Kulmhof transportiert, wo sie im Walde von Bothmann und Lenz erschossen wurden. Bei diesen Juden handelte es sich um solche, die angeblich im Krankenhaus im Ghetto mit einer ansteckenden Krankheit behaftet waren. Ich war bei den Transporten und bei der Erschießung nicht zugegen. … Ich glaube auch nicht, dass weitere als die vorgenannte Anzahl von Personen beim SS-Sonderkommando Bothmann vernichtet wurden. Immerhin hatte ich es hinterher erfahren.

Das Ghetto Litzmannstadt wurde von einer Verwaltung der NSDAP, die der Gauselbstverwaltung in Posen (Reichsstatthalterei) unterstand bekleidet. Diese Verwaltung wurde vom Reichsstatthalter und Gauleiter Greiser aufgefordert, in gewissen Abständen Transporte herzustellen, die angeblich nach Deutschland (Altreich) kommen, um dort in Rüstungswerken zu arbeiten und bombardierte Städte wieder aufzubauen. …

Der Transport gelangte mit der Eisenbahn (Normalspurbahn) von Litzmannstadt bis Warthbrücken. Dort wurde der Transport (Güterwagen) auf dem Kleinbahnhof umgeladen in die Kleinbahn und nach Kulmhof geleitet. Die Begleitung des Transports bis Warthbrücken oblag der Schutzpolizei in Litzmannstadt unter der Leitung eines mir unbekannten Polizei-Oberleutnants mit 8-10 Männern der Schutzpolizei. In Warthbrücken wurde er mit einem ständigen Transportkommando des Sonderkommandos bis Kulmhof gebracht. Dort gelandet, stiegen die Juden mit ihrem Handgepäck, was sie mitnehmen konnten, aus und wurden in die Kirche von Kulmhof untergebracht, wo sie bis zum anderen Morgen verbleiben mussten. Das Transportkommando bestand aus einem SS-Angehörigen Kretschmer und 6-8 Männern der Hilfspolizei, die dem SS-Sonderkommando ständig unterstanden. Vorn am Eingang der Kirche wurde die Anzahl nochmals kontrolliert auf Vollzähligkeit der mitgesandten Liste von der Ghettoverwaltung. Die weitere Verantwortung übernahm bis zum weiteren Tranport mit LKW nach dem etwa 3-4 km entfernten Walde der SS-Sturmscharführer Häfele. Die Juden erhielten von der Ghettoverwaltung als Marschverpflegung genügend Brot und Kaffee mit. … Am Morgen sind beispielsweise 700 Personen-Transportstärke die Hälfte, also 350 Personen nach Möglichkeit familienweise mit LKW in den bereits genannten Wald gefahren worden. Vor einer von SS-Sonderkommando aufgestellten Holzbaracke, deren zwei Räume für je Frauen und Männer mit Haken und Regalen zum Aufhängen der Bekleidungsstücke angebracht waren, vorgefahren und wurden beim Aussteigen aufgefordert, auszusteigen und vor der Baracke, die durch einen Grenzzaun abgegrenzt war, Aufstellung zu nehmen. Es waren lediglich im Walde zwei Baracken mit der Länge von etwas 20 m und einer Breite von 10 m aufgestellt. Um ein größeres Übergangslager vorzutäuschen, wurde die eine Baracke mit einer Tafel ‚Baracken Nr.’ (Nr. ist mir nicht bekannt) an einer Tür des Zaunes mit einer Tafel ‚Zur Badeanstalt’ und vor der Mitte der Baracke mit einem Schild ‚Zum Arzt Baracke 9’ angebracht. Ferner waren an den beiden Türen ‚Auskleideräume oder Umkleideräume für Männer bzw. Frauen’ angebracht. Nachdem 3 hintereinander gefahrene LKW mit je 25-30 Juden abgestiegen waren und vor der Baracke geschlechtsweise Aufstellung genommen hatten, wurde den Juden erzählt, dass sie nunmehr für Deutschland arbeiten müssten. Und zwar kommen sie in Städte wie Köln, Leipzig usw., wie es ihnen auch im Ghetto erzählt worden ist. … Um ein schnelles und reibungsloses und ahnungsloses Auskleiden zu bewerkstelligen, wurde ihnen ferner erzählt, dass sie in Deutschland in neu aufgestellten Baracken  nach Möglichkeit familienweise untergebracht werden und da sie alle verlaust sind, müssten sie durch eine Badeanstalt gehen, um dort zu baden und entlaust zu werden. Um ein schnelles Ausziehen der Bekleidungsstücke zu erreichen, wurde ihnen ferner gesagt, dass der Transport noch am gleichen Tage abgeht und sie sich beeilen müssen. Wertsachen sind auf den Regalen oberhalb der Kleiderhaken zu legen, Brot und Tabakwaren sowie Zündhölzer und Feuerzeuge in ein Taschentuch oder Beutel gesondert legen, weil die Kleidung chemisch von Ungeziefer gereinigt wird und sonst die Sachen verbrennen. Durch all diese Mitteilungen wurde eine unbedingte Glaubwürdigkeit für den Transport nach Deutschland hergestellt. Nachdem sich alle vollkommen nackt ausgezogen hatten, mussten die Frauen zuerst und dicht aufgeschlossen die Männer in einer Reihe durch die eine Tür mit der genannten Aufschrift ‚Zur Badeanstalt’ gehen. Hinter der Tür befand sich ein etwa 20-25 Meter langer Gang, der durch einen Lattenzaun begrenzt war und eine Breite von etwa 1,5 Meter Breite hatte. Der Gang verlief am Ende im rechten Winkel, wo sich eine Rampe befand. Vor der Rampe stand ein geschlossener LKW (Spezialwagen), in diesen Wagen mussten die Juden steigen. Nachdem etwa 70-90 Personen im Wagen waren, wurde die Tür geschlossen und der betr. LKW fuhr dann nach den etwa 200 Meter entfernten Öfen. Während der Fahrt wurde durch den Kraftfahrer Laabs ein Ventil geöffnet, durch welches Gas entströmte, welches die Insassen in 2-3 Minuten tötete. Hierbei handelte es sich um Gase, die durch den Benzinmotor erzeugt wurden. …

Bei jedem Transport befand sich außerdem ein Arzt oder eine Ärztin mit einer oder zwei Krankenschwestern. Diese brauchten sich nicht in der Baracke auszuziehen, sondern wurden von dem SS-Scharführer Kretschmer, der bereits als Transportführer fungierte, schon vorher, also beim Aussteigen der Juden aus dem LKW, nach dem Ofen geführt, wo sie erschossen wurden und später verbrannt. Dem Sanitätspersonal wurde erzählt, dass in der Badeanstalt ein Ärztezimmer ist, wo sie sich hinbegeben sollten, um dort die zu entlausenden Juden nochmals zu untersuchen um herauszufinden, zu welcher Arbeit sie ggf. herangezogen werden könnten. Die Erschießung des Ärztepersonals hat in den meisten Fällen Lenz, aber auch Bothmann vorgenommen.

Ist nun der Spezialwagen bis an den Ofen herangefahren, so wurde dieser von Laabs geöffnet und die Toten wurden dann in den Ofen geworfen, wo sie nach kurzer Zeit (15 Minuten etwa) zu Asche verbrannten.

Weiterlesen:

Das ehemalige Vernichtungslager Chełmno

Das Massaker von Lidice am 10. Juni 1942

Polizeibataillon 101 • Das Massaker von Józefów

Polizeibataillon 101 ✡ Die Menschenjagd auf Juden

SS-Sondereinheit Dirlewanger • Perversion des Verbrechens

darüber hinaus:

Index der Täter • Die Blutspur des Arnold Strippel

Der Eichmann-Prozess 1961 • Heute noch von Bedeutung ?¿?

alle Bilder vom Archiv Yad Vashem

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